Tobias Gohlis über Rob Alef: Das magische Jahr




Gepiekstes Spießergefühl

Promi tot

Hoch die Ideale

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Rob Alef:
Das magische Jahr

 

 

Spaßguerilla

Rob Alef liefert die Kriminalsatire zu 1968.

Was wäre, wenn die Studentenrevolte von 1968 Erfolg gehabt hätte? Dann wäre sie eine Revolution geworden mit allem Drum und Dran: Mit neuer Staatsverfassung, Museum, Revolutionsfeiertag und Revolutionsführerverehrung. Diese hübsch nahe liegende Idee spielt Rob Alef in seinem witzigen Krimi Das magische Jahr amüsant und spannend durch. Ernsthafter und fröhlicher ist die magische 68er-Epoche bisher kaum durch den Kakao gezogen worden.

Gepiekstes Spießergefühl
Hatten Rob Alef hat sich 2005 mit Bang Bang stirbt in politisch unkorrekte Leserherzen geschrieben. Darin wurde das Maskottchen der Tierliebe, ein Panda, aus dem Berliner Zoo entführt und – schlimmer noch - in den Hintern gepiekt. Gepiekt wird diesmal das postrevolutionäre Spießerwohlgefühl, nach gehabter Umwälzung geruhsam in der besten aller Welten zu leben. So scheint es auch. Das Arbeitslosenproblem ist gelöst: an jeder Straßenecke geben lebende, in hübsche bunte Uniformen gekleidete „Infos“ Auskunft über Entfernungen, Straßennamen und touristisch Bemerkenswertes. Die Schüler sind klüger als die Museumspädagogen. Die Kriminalpolizei fährt Straßenbahn. Die Vorbereitungen auf den jährlichen Triumphzug, bei dem das „Tegeler Vlies“ vom Schöneberger Rathaus zum Historischen Museum getragen wird, um das Kardinalereignis der siegreichen Revolution zu feiern, die Schlacht um eben dieses Vlies, laufen auf Hochtouren. (Frührentner, Pensionäre und andere Zeitzeugen von 1968 werden sich über Alefs Umwertung der historischen Werte amüsieren: Mit der „Schlacht am Tegeler Weg“ im November 68 setzte sich die Studentenbewegung erstmals gewaltsam gegen die Polizeiwillkür zur Wehr, zerfiel aber nach diesem „Triumph“ in einzelne sich teils radikalisierende, teils militarisierende Grüppchen.)

Promi tot

Empfindlich gestört werden die hochoffiziellen Triumph-Vorbereitungen durch die Ermordung eines der wichtigsten Zeitzeugen. Promi Praumann, einst engster Weggefährte des Revolutionsführers Rudi… nein: Richard Dubinski, wird mit einem stumpfen Erinnerungsstück an die besten vergangenen Zeiten der Schädel eingeschlagen. Wer nur einen Funken jenes magischen Geistes von 68 in sich spürt, wird sich einer gewissen klammheimlichen Genugtuung nicht erwehren können. Denn Promi Praumann ist ein echter Revolutionsgewinnler. Als Händler mit den Antiquitäten und Devotionalien der großen Zeit (Ulrike Meinhofs Zahnstocher, ein Spülschwamm der Kommune 1), ist er steinreich geworden. Promi hat die Gewinne der Revolution erfolgreich privatisiert, aber so ist der gemeine Lauf der Geschichte. Der profikalt ausgeführte Mord, soviel lässt sich verraten, hat ein doppeltes Motiv. Der Mörder sucht einen historischen Gegenstand, den er nach dem Sieg der Revolution seinen engsten Freunden anvertraut hat – und er füllt die geschichtliche Rolle des permanenten Revolutionärs, der gegen die Erstarrung die alten Ideale hochhält.

Hoch die Ideale

Hier, 68, sind es natürlich individualistische — da guckt der Ernst des Satirikers Alef durch die spaßigen Kulissen. Denn die gemütlich im ÖPNV-Tempo voranschreitenden Ermittlungen der Kommissare Pachulke und Zabriskie führen nicht nur zu etlichen weit bedauernswerteren Leichen, sondern auch zu merkwürdigen TV-Demonstrationen am Wannsee und einem Seenotrettungsdienst aus Pinguinen. Schon vergessen? 1967 kam auch das Beatles-Album Magic Mystery Tour heraus – und Alefs rasanter Krimi deckt auf, wie die Revolution beinahe an den Pilzköpfen gescheitert wäre. Hätte es nicht diese besessenen, puddingwerfenden Einzelkämpfer und Spaßguerilleros gegeben.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in DIE ZEIT Nr. 23 vom 29.5.2008