Tobias Gohlis Łber Friedrich Ani: Idylle der Hyšnen




Seltsamer Christ

Der Tod provoziert,
Anis Gott auch

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Friedrich Ani:
Idylle der Hyänen.

 

 

 

 

 

Gott war tot


So einen Kommissar gab es noch nie: Polonius Fischer, Christ.
In der Fallschirmspringersprache hieße das eine Platzlandung. Pünktlich zum Papstbesuch und mitten in das Gerede über die Rückkehr der Religion, das sogar über Christiansens Stammtisch schwappte, erscheint: Polonius Fischer. Hauptkommissar, 1,92 groß, seit vierzehn Jahren Mordermittler im Kommissariat 111 München, davor: Mönch.
Friedrich Ani, neben Wolf Haas (aber der schreibt zurzeit übers Wetter) der beste Kriminalschriftsteller deutscher Sprache, ist ein Igel, der seit je dorthin ging, wo Angsthasen nicht ankommen. Schon der Kommissar Tabor Süden, um den Ani vierzehn Konventionen umstürzende Romane verfasst hat, war — jeder, der ein Auge hatte zu lesen, weiß das — ein Gott Suchender. Für ihn musste es etwas jenseits der Vorschriften geben, das er aber nicht finden konnte. Deshalb quittierte er einen sinnlos gewordenen Dienst und stellte sich nackt in den Wald, ein dicklicher Mann auf einem Bein.

Seltsamer Christ

Polonius Fischer, Anis neuer Kommissar, hat die Suche nach Gott hinter sich. Als Gott nicht mehr zu ihm gesprochen hat, verließ er das Kloster. Aber Christ ist Fischer geblieben. Ein seltsamer. Sein Chef hält ihn für den „vorurteilsfreisten Menschen“, der ihm begegnet ist.
Eine Frau ist tot in einer Garage gefunden worden, ihre kleine Tochter wurde wohl entführt. Als Fischer erstmals mit den Eltern der Toten spricht, rezitiert er vor der juristischen Belehrung Psalm 142: „Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn …“ Für Vernehmungen hat Fischer einen eigenen Raum. Dort hängt ein Kruzifix, und dort wird der starke Kommissar mit der Schwäche der Institution konfrontiert, für die er arbeitet. Denn der Mann, der das kleine Mädchen entführt und die Mutter getötet hat, hat dort gerichtet, wo die Justiz kein Recht mehr hat. „Alles, was Sie interessiert, ist: Hat der Mann die Tat begangen?“ provoziert er. Er hat nur Rechtes getan und ein Leben gerettet. Warum will Fischer ihm das nicht abnehmen?

Der Tod provoziert, Anis Gott auch

Religion ist entstanden, um der Provokation des Todes etwas entgegen zu setzen. Der Kriminalroman ist eine säkularisierte Form der Rede über den Tod, ein abgemagerter Verwandter der religiösen Erzählung. Deshalb hat es immer auch Ermittlerfiguren gegeben, die Kirchenleute waren: Rabbi David Small oder Father Brown. Ihr Beruf und die darin erworbenen Zusatzkenntnisse in Seelenkunde und Talmud-Logik halfen ihnen, als bessere Detektive dort zu schnüffeln, wo die Staatsgewalt nicht hinkam. Ani ist auf neue Weise radikal. Gegen die Gewöhnung an alle medialen Schattierungen des Tötens erzählt er von einem Kommissar, der provoziert. Fischer hat nach vierzehn Dienstjahren in der Mordkommission immer noch nicht verstanden, warum Menschen töten. Er ermittelt mit Gott. Das ist der säkularisierten Gesellschaft eine Provokation und das krasse Gegenteil zu allen Reli-Events.
Idylle der Hyänen (Zsolnay Verlag, Wien 2006; 350 S., 19,90€) ist Friedrich Anis Antwort auf den Tod Gottes . Das klingt wie der Hammer, mit dem Nietzsche philosophiert hat. Und ist eine einzige Herausforderung: Tötung auf Verlangen, Gottesverlust, „Selbstmordsüchtigkeit“. Aber wer sagt denn, dass Krimis immer nur Spaß machen sollen? Ani jedenfalls reißt uns mit seinem unverwechselbaren Sound hinein ins Glühende, seine sperrigen Wortneuschöpfungen lockern die Synapsen, und schon lange vor dem Schluss will man mehr philosophischen Kriminalroman nach Anis Art. Polonius und die „Zwölf Apostel“ des Münchner Kommissariats 111 sind noch lange nicht am Ende.


Korrigiertes Manuskript, Veröffentlichung in DIE ZEIT Nr. 37 vom 7.9.2006

Zu Idylle der Hyänen siehe auch:

Ein moderner philosophischer Kriminalroman
Friedrich Ani, das richtige Leben und sein neuer Kriminalroman Idylle der Hyänen

und

Ein ungewöhnliches Team
Tobias Gohlis im Gespräch mit Friedrich Ani über Idylle der Hyänen