Tobias Gohlis über Martin Cruz Smith: Stalins Geist




Die katastrophische Welt Russlands

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Martin Cruz Smith: Stalins Geist

Übersetzt von Rainer Schmidt

 

 

Der tägliche Albtraum

Martin Cruz Smith hat einen genialen Politthriller zu Putins System geschrieben

Dies ist, seit ich im Februar 2001 den Job übernahm, die hundertste Kriminalkolumne aus meiner Feder, die an dieser Stelle erscheint. Nie ist mir in den sechs Jahren der Stoff ausgegangen. Gutmeinende Freunde hatten gemunkelt, nach einem halben Jahr spätestens werde mir die Suche nach bemerkenswerten Krimis langweilig werden. Das Gegenteil war der Fall. Je mehr ich ihre Hauptstränge und Verästelungen erkundete, desto plastischer trat das Vermögen dieser fälschlich mit dem pejorativ einengenden Begriff „Genre“ etikettierten Literatur zu Tage, der üblen Realität dieser Welt mit Karikatur, Blasphemie, Groteske, Scharfsinn, Spott, Hohn und immer wieder erhellenden, mitreißenden Geschichten auf Augenhöhe zu begegnen. Das trifft selbstverständlich auf die ästhetisch ausgefeilteren Werke eher zu als auf Mainstream und Massenware, auch hierin unterscheidet die Kriminalliteratur sich erkennbar nicht vom Roman oder anderen feinen Künsten. Zu den Entdeckungen, über die ich an dieser Stelle schreiben konnte, gehören Andrea Maria Schenkel, Heinrich Steinfest und Astrid Paprotta, Peter Temple, Fred Vargas, David Peace und Arne Dahl, aber auch heute schon wieder beinahe Vergessene wie Shulamit Lapid und Liza Cody. Manche, wie Magdalen Nabb, Ed McBain und Michael Dibdin sind inzwischen verstorben. Viele blieben unverdient unerwähnt, darunter zu meinem Erstaunen Martin Cruz Smith.

Die katastrophische Welt Russlands

Bevor Martin Cruz Smith 1981 mit Gorki Park schlagartig weltberühmt wurde, lernte er sein Handwerk als Journalist, als Verfasser von Comics und Western (seine Pseudonyme „Jack Logan“ und „Simon Quinn“ gelten etwas in der Gemeinde). Dem amerikanischen Geist der (schwarzen) Serie ist auch Cruz Smith’ geniale Erfindung entsprungen: Arkadi Renko. Einsam, rechtschaffen, gewalttätig und melancholisch wie nur je ein Privatdetektiv Hammettscher und Chandlerscher Provenienz, aber ohne Auftraggeber, wühlt er sich seit 1980 in nunmehr sechs Romanen durch die katastrophische Welt Russlands. Unter Breschnew war er noch Chefinspektor der Miliz, 1988 ist er zur Zwangsarbeit auf einen Fischtrawler verbannt, zuletzt sahen wir ihn (in Treue Genossen, 2004) als Maskottchen der Mächtigen durch die Hölle von Tschernobyl irren. Der Spezialist für das Überleben in erodierenden Systemen kehrt dieser Tage wieder als leitender Ermittler der Staatsanwaltschaft in Stalins Geist. Der Chefin einer Hostessen-Vermittlung soll er den Gatten umlegen, dem Staatsanwalt das nächtliche Erscheinen Väterchen Stalins in einer Metrostation aufklären. Es herrscht Wahlkampf und damit nationaler Wahn. Einer der Gegenspieler Renkos war eben noch als Mitglied der „Schwarzbarette“ an einem Massaker in Tschetschenien beteiligt, jetzt ist er Miliz-Kollege und sucht sein Glück als Kandidat der nationalen Mitte. Selten hat ein Roman so präzise und bösartig die politische Realität auf ihre absurde Wirklichkeit zugespitzt. Die Mafia hat ihre Territorien gesichert, „ihre Kinder würden Banker werden und deren Kinder Dichter … Abwarten — in fünfzig Jahren käme ein Goldenes Zeitalter der Lyrik“, sinniert Arkadi. Jetzt jedenfalls wird er angeschossen, von einem Mann, der seine jüngere Tochter verhungern ließ, weil sie nicht gut genug Schach spielte, um mit ihr Geld machen zu können. Während amerikanische Medienberater den Massenmörder zum Kandidaten coachen, warten auf einem Schlachtfeld vor der Stadt Twer die „Ausgräber“ — professionelle Plünderer — auf das Erscheinen Stalins. Man glaubt es nicht, wenn man es nicht gelesen hätte: Renko, dem die Kugel des mörderischen Vaters einmal durch den Schädel gekreist ist, wird, als er in Twer ankommt, auf diesem apokalyptischen killing field bereits mit seiner Legende konfrontiert: „‚In Moskau bekam ein Mann einen Schuss in den Kopf. Stalin erschien, und der Typ stand auf und spazierte davon.’ — ‚Eine tolle Geschichte.’“

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung DIE ZEIT Nr. 1/2008 vom 28.12.2007

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Treue Genossen“