Tobias Gohlis über Arne Dahl: Opferzahl

 


Abstrakte Bilder, konkrete Aktionen

Schwarze Wolken lösen sich

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Arne Dahl: Opferzahl
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

 

Was kann der Kriminalroman?

In einer Diskussion über die Frage kommt man an dem schwedischen Autor Arne Dahl nicht vorbei.

Das zeigt sich an seinem jüngsten Roman "Opferzahl". Am 5. August 2005, knapp einen Monat nach den Bombenanschlägen in London, wird am frühen Morgen in Stockholm der letzte Zug der grünen U-Bahnlinie in die Luft gesprengt. Neun Personen sind sofort tot, ein zehnter Passagier erliegt etwas später seinen Verletzungen.
Eine der beliebtesten Floskeln, mit denen Krimiautoren eine gewisse Willkür ihrer Plots verteidigen, ist die Behauptung, dass alles mit allem zusammenhängt. Arne Dahl gibt dieser Phrase in seinem neuen Roman, dem neunten und vorletzten in der Reihe um das A-Team, einen neuen Dreh: Alles, was mit diesem Bombenanschlag zusammenhängt, wird in alle Winde zerstreut. Wenn alles mit allem zusammenhängt, fliegt alles in die Luft, wenn auch nur ein Teilchen explodiert. Ein Wirbel entsteht, der alles in sich reißt.

Abstrakte Bilder, konkrete Aktionen
Reaktionen. Eine feministische Journalistin feiert den Befreiungsschlag: "Die altersgeile abendländische Gesellschaft verdient es, in die Luft gesprengt zu werden." Die Polizisten, die den Tatort im U-Bahnwagen Carl Jonas besichtigen, erblicken "abstrakte Kunst. Dieses unvergleichliche Spiel von Form und Farbe, ungefähr wie Action-Painting." Manch empfindsamem Gemüt mag dies zu wenig empfindsam sein, es sind kalkuliert kalte Bildbeschreibungen der Reaktionsmuster, mit denen wir auf Katastrophenbilder reagieren. Dahls Polizisten sind Polizisten im Kriminalroman, nicht in einer Realität, sie sind Agenten im Auftrag des Autors in einer Welt der Bilder, Ideen, Strömungen. Der lässt sie zu Beginn auftreten, wie man sich Polizisten wünscht am Ort eines Blutbads. Distanziert, hellwach und sensibel lesen sie Spuren, analysieren das, was sie noch nie gesehen und analysiert haben.
Die ersten achtzig bis hundert Seiten des Romans sind Exposition. Ich dachte, das ist der langweiligste Dahl, den ich gelesen habe.

Schwarze Wolken lösen sich
Ungefähr an diesem Punkt ging es los: Wie ein Sieb, das eine Zeitlang am Boden eines Tümpels gelegen hat, erhebt sich das A-Team aus dem Grundschlamm der Fakten und Vorurteile: Ermittlungslinien, schlüpfrig wie Lianen, sind die erste Ausbeute. Da bilden die "heiligen Reiter von Siffin" einen islamistisch-terroristischen Strang. Da scheint es, als hätten die Toten doch nicht ganz zufällig in der U-Bahn gesessen. Da lösen sich die schwarzen Wolken, die einem Obdachlosen um den Kopf schweben, ein Polizist hat anscheindend geahnt, was geschehen wird. Die Ermittlungen weiten sich aus, tanzen herum wie eine umgekehrte Windhose, richten sich plötzlich nach innen. Ein Polizist wird erpresst. Wiederholt sich die Konstellation aus "Ungeschoren", dem sechsten Roman, als sich ein Mitglied des A-Teams zwischen dem Leben seiner Tochter und der Pflicht entscheiden musste?
Arne Dahl spielt mit Krimi-Mustern die Welt durch. "Opferzahl" ist sein Polizeiroman, seine Hommage an Ed McBain. Aber Dahl wäre nicht der raffinierte Hund, der er ist, fände er nicht zum Schluss noch einen merkwürdig klaren, verblüffenden einfachen Dreh. Wenn der Tornado abgeklungen ist, fällt Alles in Alles zusammen. Bis es zum letzten Mal losgeht. Ich bin gespannt.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in buchjournal 2-2011

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Falsche Opfer“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Rosenrot“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Tiefer Schmerz“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Totenmesse