Tobias Gohlis über Arne Dahl: Falsche Opfer

 


Arne Dahl: Falsche Opfer

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

 

 

 

 

Urszenen aus Blut und Literatur

Es ist die letzte Mittsommernacht des Jahrtausends. Im „Kvarnen“ stoßen die Fans zweier Fußballclubs aufeinander. Der Stockholmer Verein Hammarbye hat gegen den schonischen Verein Kalmar unentschieden gespielt. Die Hammarbyer sind sauer, plötzlich liegt einer der Schonen am Boden und blutet aus einer Platzwunde am Kopf. Die Gäste, die dazu noch imstande sind, strömen hinaus in den dämmrigen Abend. Der Schone stirbt noch in der Kneipe.

„Ich habe nichts gesehen,“ behauptet Per Karlsson. Er hat mitten im Getümmel gesessen, umgeben von beinahe hundert Menschen. Neben ihm wird jemand mit dem Bierkrug erschlagen. Das hat er erst recht nicht gesehen, sagt er, wie jeder Zeuge, der in nichts verwickelt werden will, schon gar nicht in einen Mordfall. Und warum hat er nichts gesehen? Weil er in Ovids Metamorphosen vertieft war.

Zu dieser Urszene aus Blut und Literatur müssen die Kommissare Paul Hjelm und Kerstin Holm immer wieder zurückkehren. Denn das, was in den hellen Nächten des Jahres 1999 geschieht, geht vom Kvarnen aus und endet dort. Ein Pädophiler fotografiert spielende Kinder von einem Hochhaus herab. Im Hochsicherheitsgefängnis Kumla wird ein jugoslawischer Gefangener in die Luft gesprengt. Der Sprengstoff stammt aus einem Labor in Südafrika, das Opfer muss von der Wand gekratzt werden. Im Gewerbegebiet Sickla geraten zwei Gangs aneinander. Fünf Leichen bleiben zurück, ein Aktenkoffer verschwindet. Das Bindeglied: flüssiger Sprengstoff aus Südafrika.

Die A-Gruppe bekämpft außerordentliche Verbrechen
Hjelm und Holm sind nur zu Beginn allein. Wer die beiden ersten Romane des Schweden Arne Dahl, Misterioso und Böses Blut, gelesen hat (und da sollte jeder sein, der eine Schwäche für Krimis und eine Liebe zur Literatur hat), kennt die beiden als Mitglieder der A-Gruppe. Diese Spezialeinheit der schwedischen Reichspolizei wurde aus den besten Ermittlern gebildet, um außerordentliche Verbrechen zu bekämpfen, Verbrechen, die die Grenzen der Gesetzbücher, Schwedens und auch des gesunden Menschenverstandes überschreiten. Die Geschichte der A-Gruppe ist noch kurz. In Misterioso fasste sie den „Machtmörder“, der die schwedische Wirtschaftselite mit Dartpfeilen ausrottete. In Böses Blut fasste sie beinahe den „Kentuckymörder“, der seinen Opfern die Stimmbänder herausriss, eine Foltermethode, die er bei der CIA gelernt und zuletzt bei einem arroganten Literaturkritiker angewandt hatte. Danach wurde die A-Gruppe aufgelöst – doch jetzt, als deutlich wird, dass der tödliche Bierseidel und Ovids Metamorphosen, die Sprengstoffattentate, jugoslawische Söldner, Neonazis und sogar die Abgründe eines übers Internet zusammengehaltenen Pädophilennetzwerks miteinander verknüpft zu sein scheinen, wird sie wieder zusammengestellt.

„Kriminalromane sind die Sonette des 21. Jahrhunderts,“ sagt Arne Dahl. Der promovierte Literaturwissenschaftler, der unter dem bürgerlichen Namen Jan Arnald sein täglich Brot als Redakteur der Stockholmer Kulturzeitschrift Artes verdient, erinnert an Zeiten, als das starre Korsett der vierzehn Verse beinahe jedermann zu formalem wie inhaltlichem Spiel lockte. In der Tradition Maj Sjöwall/ Per Wahlöös arbeitet er an zehn Romanen um eine Ermittlergruppe (sechs sind in Schweden, drei in Deutschland erschienen). Doch im Unterschied zu den Begründern des modernen schwedischen Kriminalromans, die noch aus der Gewissheit einer marxistischen Gesellschaftskritik operierten, schickt er seine Ermittler in die Unübersichtlichkeit der globalisierten Welt, ohne von ihnen mehr zu verlangen als Selbsterkenntnis. Die Stereotypen des Genres nutzt er wie ein Go-Spieler, sprengt jedes Klischee mit seiner im Krimi bisher nicht vernommenen, sprunghaft-tänzerischen, präzisen Sprache. Seine Helden sind bis in die letzten Nervenfasern besessene Krieger, blutende Helden wie die Cops James Ellroys, zugleich sensible Aufklärer und Fanatiker der Gerechtigkeit. Als Leitmotiv dienen im eben auf deutsch erschienenen dritten Fall Falsche Opfer zwei Verse aus den Duineser Elegien: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen.“ Paul Hjelm, dem sie immer wieder durch den Kopf gehen, weiß sie nicht zu deuten, und auch uns Leser, die wir das poetische Programm Dahls erkennen, befällt Furcht. Was wäre, wenn diese wunderbar komplexen, intelligent, heiter und unerbittlich geschriebenen Kriminalromane davon erzählten, wie das Wunderwerk der abendländischen Zivilisation zerbricht? Schnell weiter blättern! Es sind ja nur die besten Thriller unserer Tage, die Dahl schreibt.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in DIE ZEIT Nr. 15/ 2004 vom 1.4.2004

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Opferzahl“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Rosenrot“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Tiefer Schmerz“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Totenmesse“