Tobias Gohlis über Arne Dahl: Rosenrot

 


Rosenrote Liebe

Schwarzer Zorn

Showdown am
11. September

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Arne Dahl: Rosenrot
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt

 

Mit den Farben des Zorns und der Liebe

Achtzig, das ist doch eine runde Zahl. Welche Götter wissen schon, ob es je bis hundert reicht. Also feiere ich diese, meine achtzigste Krimikolumne, indem ich erneut an dieser Stelle über Arne Dahl schreibe, schon zum dritten Mal in fünf Jahren. Denn mehr noch als die Französin Fred Vargas, der Engländer Reginald Hill und der Schotte Ian Rankin – die anderen ganz Großen unserer Tage – besetzt Dahl mit seiner Romanserie über die Stockholmer A-Gruppe eine Stelle mitten im heißen ästhetischen Kern der modernen europäischen Kriminalliteratur.
In meiner ersten Besprechung verglich ich Dahls Umgang mit den Stereotypen des Kriminalromans mit der Kunst eines Go-Spielers, der seine begrenzte Zahl von Steinen immer neu und überraschend arrangiert. Das zentrale strategische Element des Go-Spiels nennt man „Leben und Tod“. Dabei geht es darum, eigene Gruppen von Spielsteinen zu bilden und sie am Leben zu erhalten. Leben ist definiert als der immer bedrohte, prekäre Zustand, in dem eine Gruppe nicht geschlagen werden kann.

Rosenrote Liebe
In Rosenrot, dem fünften seiner auf zehn Bände konzipierten Reihe (glückliche Schweden: sie dürfen schon acht lesen) ist Dahls „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter beim Reichskriminalamt“, die immer noch provisorisch „A-Gruppe“ genannt wird, näher daran als je zuvor, geschlagen zu werden. Weder Selbstüberschätzung noch politische Willkür oder die Übermacht des Gegners gefährden sie, sondern ein schwarzes Loch, ein Leck in der Erinnerung einer einzigen Person. So tief, so existenziell ist es, dass es die ganze Gruppe in den Untergang reißen kann. Nur einer, vollgepumpt mit Hass, hat es erkannt und nutzt es für ein wahrhaft diabolischen Verbrechen.
Rosenrot geschmückt, in der Kitschfarbe der Liebe, glühte vor Jahren das Restaurant, in dem Dag Lundmark Kerstin Holm mit den Worten des Hohen Lieds ewige, unverbrüchliche Liebe geschworen hat. „Auch viele Wasser löschen die Liebe nicht.“ So lautet die Inschrift des Rings, der fast mit der Haut ihres Ringfingers verwachsen ist, obwohl sie längst von Lundmark getrennt lebt. Wie selbstverständlich hat er sie Nacht für Nacht vergewaltigt. „Er glaubte einfach, dass es so sein müsse. Ein sehr sonderbares Verhältnis.“

Schwarzer Zorn
Komplementärfarbe zum schwülstigen Rosenrot der versengten Liebe ist das Schwarz des Zorns. Er explodiert zunächst nur im Polizeiüberfall auf eine Gruppe von afrikanischen Asylanten, die friedlich in ihrer illegalen Wohnung hocken. Eine Horde Polizisten bricht herein, einer der Schwarzen flieht über die Feuerleiter aufs Dach, hält dem Verfolger triumphierend eine Diskette entgegen – und wird erschossen. Der Schütze war Polizist: jener Dag Lundmark, der jahrelang die Polizistin Kerstin Holm vergewaltigt hat.
Dahls Erzähltechnik folgt der Konvention, auf den ersten Seiten alle Elemente des Falls zu exponieren. Doch zu der joggenden Spezialistin Holm, Mitglied der A-Gruppe, die sich an Polizeigewalt und rosenroten Liebesschmerz erinnert, und zu dem Polizeiüberfall auf die Illegalen komponiert er unkonventionell Farbspiele (wenn auch mit krimikompatiblen Farben), Bibelzitate, Dingsymbole. Abstrakte Elemente, die als eigenständige ästhetische Treibkräfte zu dem sich raffiniert Schicht um Schicht verzweigenden Doppel-Kriminalfall hinzutreten. Erst dieses Ganze konfiguriert einen mehrbödigen ästhetischen Raum, in dem das von Zorn, Liebe, Wut gespeiste schwarze Loch der Verdrängung seine negative Energie und mörderische Sogwirkung entfaltet.
Auch die vier ersten Romane Dahls waren von Substrukturen aus antiker Mythologie, modernem Jazz und Anspielungen auf Ikonen der Kriminalliteratur getragen. In Rosenrot finden aber erstmals alle Elemente – unter denen die Verbeugung vor Sjöwall/ Wahlöös Der Polizistenmörder nur eines ist – einen gleichwertigen Platz.

Showdown am 11. September
Es ist eine Crux, dass es dem Krimirezensenten mit Rücksicht auf die Leser verboten ist, den Roman vom Ende her zu würdigen. So klingt es notwendig etwas abstrakt und hohl, aber es ist die reine Wahrheit: Das Gleichgewicht der Erzählelemente machen Rosenrot zu einem nahezu klassischen Kriminalroman. Erinnerung und Geschichtstiefe schwingen mit Leidenschaft und Gefühlssturm; die Handlungsstränge enthalten so viel Witz und Spannung, dass sie viel weiter als 400 Seiten tragen könnten. Das höchste Qualitätskriterium für einen Kriminalroman lautet, dass seine Geschichte nur als Kriminalgeschichte erzählt werden kann, nicht auf andere Art. Hier ist es so. Dahl löst das moralische Paradoxon, wie eine aus Zorn und Hass gespeiste Flut von Mord, Erpressung und Entführung einem Menschen die Freiheit zurückgeben kann. Und das am 11. September 2001, an dem sich auch Kerstin Holms Schicksal entscheidet.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in DIE ZEIT Nr. 17 vom 20.4.2006

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Falsche Opfer“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Opferzahl“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Tiefer Schmerz“

Siehe auch: Tobias Gohlis über „Totenmesse“