Tobias Gohlis über Zoë Beck: Das zerbrochene Fenster

 


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Blut an der Werkstatttür

Intelligente Unterhaltung

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Zoë Beck:
Das zerbrochene Fenster

 

Pippas Tagebuch

Zoë Beck verwickelt uns elegant in eine
schottische Mehrfamilien-Mordsgeschichte

Einmal macht Michael ein Gesicht, "als versuchte er, sich auf ein kompliziertes Stück Zwölftonmusik zu konzentrieren." Michael ist Musikprofessor in Edinburgh und eine Randfigur in Zoë Becks neuestem Kriminalroman Das zerbrochene Fenster. Dem Leser dieser schottischen Verwicklung wird es bei der Lektüre bestimmt mehrmals wie Michael gehen. Denn Das zerbrochene Fenster ist ein verwirrend virtuoses Spiel mit Handlungsebenen und Figurenbeziehungen. Denjenigen, denen wie mir Verwandtschaftsverhältnisse ein Horror sind, rate ich zu Zettel und Bleistift, um all die Aktivitäten Michaels, Matts und Seans, Danas und Lillians auseinanderzuhalten, die in den sieben Jahren zwischen 2003 und 2010 die Kreise der Klavierbauerin "Pippa" Murray tangieren.

Blut an der Werkstatttür
Pippa schreibt Tagebuch, und bereits auf der ersten Seite blickt sie zurück auf die blutverkrustete zerbrochene Scheibe ihrer Werkstatttür, hinter der ihr Geliebter Sean verschwunden ist. Der Vorteil eines Ich-Erzählers und erst recht eines Tagebuch-Ichs liegt erzähltechnisch darin, dass es über einen sehr beschränkten, nämlich nur seinen Horizont verfügt. Wenn das Ich wie Pippa gestrickt ist und sich gar einen eigenen Kosmos aus Selbstzweifeln und Selbsttäuschung erschreibt, muss der Leser sich nolens volens als Lügendetektor betätigen, wenn er begreifen will, was eigentlich passiert. Das ist die Spannung der feineren Art, von der Das zerbrochene Fenster lebt.
Pippa stellt sich als aufrechte Kunsthandwerkerin dar, die sich früh von ihrem dominanten und konservativen Elternhaus emanzipiert hat und sich auch aus den Neidnetzen ihrer Schwester Dana lösen konnte. Nun sucht sie ihren verschwundenen Liebhaber. Ist er tot? Hat er sie verlassen, weil er ihre Eifersucht nicht mehr ertrug? Ist sie gar eine Mörderin, weil er an der Wunde verblutete, die er sich an der Fensterscheibe zuzog? Geplagt von solcherart Ängsten kommt es Pippa wie eine Erlösung vor, sieben Jahre nach dem Verschwinden Seans auf eine Spur von ihm zu stoßen. Sie meldet sich bei der Polizei und erklärt, der Verschollene habe die junge Frau des Medienmoguls und Waffenschiebers Lord Darney ermordet.

Intelligente Unterhaltung
Das hat boulevardeske Züge. Scheinbar verstärkt werden sie durch die parallelen Recherchen des Stiefsohns der Ermordeten. Dieser Cedric Darney, ein reicher Erbe, der sich die Kleider nur mit Handschuhen anziehen und der Welt nur im Psychopharmanebel begegnen kann, wähnt sich von der Ermordeten betrogen und fürchtet, Opfer eines Serientäters zu werden, der alle Darneys vernichten will. Doch, was in so roher Inhaltsangabe an die Dramaturgie eines Lore-Romans erinnert, serviert Zoë Beck in derart homöopathischen Dosen, eingewickelt in ein raffiniertes Hin und Her zwischen Zeiten und Figuren, dass die verdrehten Ereignisse so schön naturhaft gegeben wirken wie die Familienverwirrungen eines Wilkie Collins oder die kalifornischen Psychopathien eines Ross MacDonald. Das ist auch eine Kunstfertigkeit: alltägliche Gefühle in einer rätselhaften und spannenden Erzählung zu vertwisten, die nicht mehr und nicht weniger will, als intelligent zu unterhalten.

Siehe auch: Tobias Gohlis über Zoë Beck: Schwarzblende

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in Die Zeit Nr. 37 vom 06.09.2012